Rauchen in Russland

Ende September habe ich über die demographische Entwicklung Russlands geschrieben. Sie weist, wie dargelegt, seit einigen Jahren eine ganze Reihe positiver Tendenzen auf. Die Geburtenrate ist deutlich angestiegen und die Sterblichkeit gesunken. Voraussagen aus diesem Frühherbst, dass Russland in diesem Jahr mehr Geburten als Todesfälle aufweisen wird, haben sich gegen Jahresende bestätigt.

Zudem steigt beispielsweise die Lebenserwartung seit einigen Jahren deutlich an. Sie bleibt, zumindest für Männer, im europäischen Vergleich jedoch außerordentlich niedrig. Zahlreiche Beobachter verweisen als Erklärung hierfür auf den Alkoholmissbrauch. Das Rauchen allerdings hat in Russland eine ähnlich hohe Bedeutung für die hohe Sterblichkeit unter Männern. Studien belegen eine um 10 bis 17,9 Jahren niedrigere Lebenserwartung von Rauchern im Vergleich zu Nichtrauchern. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO)  schätzt, dass 33,5% der Todesfälle bei Männern unter 60 Jahren in Russland auf Rauchen zurückzuführen sind.

Unter den G20-Staaten muss Russland als das Land des Nikotins bezeichnet werden. 44 Millionen Russen sind Raucher, Russland ist nach China der weltweit zweitgrößte Tabakmarkt – also vor den USA, die mehr als doppelt so viele Einwohner zählen. Zudem ist der Anteil der rauchenden Frauen von 7 % im Jahre 1992 auf 22 % im Jahre 2010 gestiegen.

Die Regierung blieb in den vergangenen Jahren nicht untätig. So sind die Tabaksteuern bereits deutlich erhöht worden. 2008 kostete die billigste Packung Zigaretten („Prima“) (20 Stück) 4,20 Rubel, 2010 aber 11 Rubel. Umgerechnet sind das jedoch lediglich etwa 10 Cent bzw. 26 Cent. Die Packung „Winston“, die populärste Marke, kostete 2008 25 Rubel, 2010 31 Rubel (etwa 60 Cent bzw. 75 Cent). Der Anteil der Steuern am Verkaufspreis stieg hierbei von 30% auf 35%.

Die russische Regierung zeigt sich seit einigen Monaten entschlossen, den Zigarettenkonsum weiter – und diesmal erheblich – zu verteuern und zu erschweren: Nach einem Gesetzentwurf der Regierung von Mitte Oktober soll in den kommenden Jahren in verschiedenen Stufen beispielsweise die Werbung für Tabak vollständig untersagt werden und 2015 ein Verbot in Kraft treten, in Cafés und Restaurants zu rauchen.

Ministerpräsident Dmitri Medwedew stellte sich mit großem Nachdruck hinter den Gesetzentwurf. Er sagte: „Eine ganze Großstadt wird jedes Jahr durch den Tabakkonsum von der Landkarte ausgelöscht.“ Das russische Gesundheitsministerium gibt an, dass jährlich 400.000 Menschen aufgrund des Rauchens erkranken. 23 % der Todesfälle bei Männern seien auf den Tabakkonsum zurückzuführen. 200.000 Menschenleben könnten jährlich gerettet werden, wenn der Zigarettenkonsum um die Hälfte sinke.

Es scheint eine Kampagne in Gang gekommen zu sein, an der sich auch Jugendorganisationen und gesellschaftliche Organisationen beteiligen. Sie wird vermutlich erhebliche Erfolge verzeichnen. In Deutschland beispielsweise lag der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch eines Erwachsenen 1966 bei 2214 Zigaretten, im Jahr 2011 war er auf 1072 gesunken.

Die Widerstände gegen die Verschärfung der gesetzlichen Regelungen sind allerdings erheblich. So sieht der Gesetzentwurf der Regierung vor, dass zukünftig nur noch Verkaufsstellen mit einer Fläche von über 50 Quadratmetern Zigaretten verkaufen dürfen. Dies würde dazu führen, dass abertausende Kioske, die auch andere Waren verkaufen, unrentabel werden und schließen müssen. Tausende würden arbeitslos.

Zudem wird der russische Zigarettenmarkt von internationalen Konzernen dominiert, die erhebliche Mittel in Gang setzen können, einen ihrer größten Märkte zu verteidigen. Der Marktanteil von „Japan Tobacco“ beträgt 37 %, derjenigen von „Philip Morris“ (z.B. „Marlboro“) 26 %, der von „British-American Tobacco“ („Lucky Strike“, „Pall Mall“) 21 % und von „Imperial Tobacco“ 9 %. Der Anteil von Produzenten mit russischen Eigentümern liegt bei lediglich etwa 7 %.

(Quelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/fc/Belomorkanal.JPG)

Das russische Gesundheitsministerium tritt für rasche und harte Maßnahmen gegen den Zigarettenkonsum ein, die von anderen Regierungsstellen abgelehnt werden, weil sie zu sozialen Unruhen führen könnten. Der Regierungsentwurf vom Oktober ist also ein Kompromiss. Er wird gleichwohl in den nächsten Jahren etwa zu einer Verachtfachung der Tabaksteuer führen. Eine Packung wird in wenigen Jahren mindestens umgerechnet gut zwei Euro kosten. Der Preis wird sich dann auf einem ähnlichen Niveau befinden wie in den östlichen Nachbarländern Deutschlands.

Sicher ist dies aber noch nicht. Die Beratungen der Duma, die den Regierungsentwurf erst noch verabschieden muss, haben sich bereits verzögert, was Lobbyisten Möglichkeiten der Einflussnahme eröffnet. Die erste Lesung des Parlaments soll jedoch in diesen Tagen einsetzen. Die Pläne der Regierung werden womöglich abgeschwächt werden, dies wird an der Tendenz der Gesetzgebung der vergangenen Jahre grundsätzlich jedoch nichts ändern. Dies liegt auch an einem internationalen Hintergrund: Russland ist 2008 einem Abkommen der Weltgesundheitsorganisation beigetreten, dass bis 2015 zu umfassenden Maßnahmen gegen den Zigarettenkonsum verpflichtet.

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