Ein (vorläufiges) Ende der demographischen Krise Russlands?

Die Lebenserwartung eines männlichen Bürger Russlands war zu Beginn der 1960er Jahre ebenso hoch wie diejenige eines Kanadiers. In den folgenden Jahrzehnten sank jedoch die durchschnittliche Lebenserwartung eines Russen, während die Lebenszeit der Bewohner aller anderen Industrieländer, ob in Ost oder West, anstieg. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre erhöhte sich die Lebenserwartung eines männlichen Russen zeitweilig deutlich, mit dem Ende der UdSSR – und den damit zusammenhängenden schweren sozialen Verwerfungen – stürzte sie wieder ab. 1994 und 2003 wurden männliche Bürger Russlands durchschnittlich lediglich 58 Jahre alt. Die Lebenserwartung von Frauen hingegen bewegte sich zur gleichen Zeit um die 70 Jahre. Dieser Wert war im internationalen Vergleich zwar niedrig, aber nicht außergewöhnlich, anders als die Werte für die Männer.

Eine derartige demographische Katastrophe hatte es in entwickelten Ländern in Friedenszeiten seit eineinhalb Jahrhunderten nicht mehr gegeben. Die letzte derartige Tragödie ereignete sich in den 1840er Jahren, als etwa eines Drittel der Bevölkerung Irlands an den direkten oder indirekten Folgen von Mangelernährung starb. Die gesamte Insel gehörte damals zum Vereinigten Königreich, dem damals reichsten Land der Welt. Die Regierung in London hatte sich nicht für wirksame Hilfsmaßnahmen entscheiden können …

Als Ursachen des millionenfachen Sterbens in Russland werden insbesondere die Vernachlässigung des Gesundheitswesens und soziale Probleme genannt, u.a. der Alkoholmissbrauch.

Auf der anderen Seite sank Fertilität dramatisch ab. 1987 betrug die Anzahl der Geburten in der russischen Teilrepublik der UdSSR 2,5 Millionen, 2006 waren es nur 1,5 Millionen. Zwischen 1992 und 2007 wurden in Russland 12 Millionen mehr Todesfälle als Geburten verzeichnet. Die Bevölkerungszahl Russlands blieb aufgrund der Einwanderung von ethnischen Russen bzw. Bürgern anderer Nationalität aus den ehemaligen Sowjetrepubliken jedoch ungefähr stabil.

Über die demographische Katastrophe wird in Russland seit fast zwanzig Jahren intensiv öffentlich diskutiert und gestritten. Seit 2006/07 haben aufwändige Bemühungen zu einer Steigerung der Geburtenzahl bzw. einer bedeutenden Senkung der Sterblichkeit beigetragen. Es sind sehr signifikante Erfolge zu verzeichnen:

(Quelle: http://www.forbes.com/sites/markadomanis/2012/09/05/russias-demographics-continue-to-improve-natural-population-growth-likely-in-2012/)

Die Zahl der Neugeborenen stieg zwischen 2007 und 2012 um 21,2 Prozent, die Sterblichkeit verminderte sich um 11,2 Prozent. Russland dürfte in diesem Jahr zu den recht wenigen europäischen Ländern zählen, in denen die Zahl der Geburten höher liegt als diejenige der Todesfälle. Die erwartete Lebensdauer bei Neugeborenen (Jungen und Mädchen) betrug 2006 unter 67 Jahren, 1960 war sie bereits ebenso hoch gewesen. 2011 erreichte sie schätzungsweise 70,3 Jahre.

Die Indikatoren deuten zudem darauf hin, dass sich Russland nach Jahrzehnten eines permanenten Ausnahmezustands im Hinblick auf die sogenannten „äußeren Faktoren“ der Sterblichkeit in Richtung des europäischen Durchschnitts hin bewegt.

 

(Quelle: http://www.forbes.com/sites/markadomanis/2012/09/05/russias-demographics-continue-to-improve-natural-population-growth-likely-in-2012/)

Die Tendenz einer steigenden Lebenserwartung wird sich in den kommenden Jahren vermutlich fortsetzen, auf die Anzahl der Geburten wird dies womöglich nicht zutreffen. Eine erste Ursache hierfür ist, dass seit diesem Jahr Neugeborene nach neuen Kriterien registriert wurden: Bis zum Ende des vergangenen Jahres wurden nur Kinder registriert, die mindestens die siebte Lebenswoche erreicht haben, nunmehr werden auch Kinder geführt, die bei der Geburt lediglich ein Gewicht von 0,5 Kilogramm aufwiesen. Diese neue statistische Methode erhöht die Zahl der registrierten Geburten um mehrere Tausend. Viele weitere solcher statistischer Tricks stehen nicht zu Verfügung.

Relevanter für eine in den kommenden Jahren stagnierende, vielleicht sogar sinkende Geburtenzahl ist ein anderer Faktor: In den Jahren der Perestroika, also vor etwa 25 Jahren, gab es einen Babyboom. Die damals geborenen Mädchen haben als junge Mütter in den vergangenen Jahren zu einem großen Teil zu der steigenden Geburtenzahl beigetragen. In näherer Zukunft hingegen werden die in den 1990er Jahren geborenen weiblichen Bürger Russlands die Mehrzahl der Mütter stellen müssen. Es handelt sich aber um ausgesprochen geburtenschwache Jahrgänge. Selbst wenn die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau steigen wird, wird die Gesamtzahl der Geburten sinken. Aber womöglich wird es sich hierbei nur um einen kurzzeitigen Rückgang handeln.

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