Russland und die historische Schuld

2002 stellte der damalige Außenminister Igor Iwanow fest, dass es sowohl zu Zeiten des Zarenreiches als auch der UdSSR Elemente imperialer Außenpolitik gegeben habe, denen sich Russland stellen müsse. Im Jahre 2006 konstatierte Präsident Waldimir Putin bei Staatsbesuchen in Ungarn bzw. der Tschechischen Republik, das heutige Russland sei nicht die Sowjetunion, fühle jedoch „selbstverständlich“ eine „gewisse moralische Verantwortung“ für das Blutvergießen von 1956 bzw. die Niederschlagung des „Prager Frühlings“. 2009/10 gab es noch deutlichere Gesten gegenüber Polen.

Es herrscht jedoch annähernde Einmütigkeit, dass es weder sachlich gerechtfertigt sei, noch der Würde eines großen Landes entspreche, wenn sich Russland aufgrund seiner Geschichte in eine prinzipielle Defensivposition begebe. Die Beispiele imperialer Politik der Vergangenheit sollten nicht „als Mittel und Argument zur Aufrechterhaltung von Feindseligkeit“, sondern als mahnende Lehre dienen, wie Iwanow schrieb. Diese Haltung führt insbesondere in Ostmittel- und Osteuropa zu Irritationen. Sie wird grundsätzlich jedoch selbst von der unbequemen russischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“ geteilt, die seit dem Ende der 80er Jahre für die Aufarbeitung der stalinistischen Verbrechen und die Rehabilitierung der Opfer kämpft.

Wie kann man dies deuten? Teils folgt Russland dem Beispiel anderer Länder, wie etwa den ehemaligen europäischen Kolonialmächten, die große Zurückhaltung zeigen, sich ihrer historischen Schuld zu stellen. Hinzu kommt der verbreitete Stolz auf das Land, aber auch noch eine weitere Ursache, die Russland von anderen Ländern grundsätzlich unterscheidet – und die bislang kaum wahrgenommen wird:

Russen haben sich in Jahrhunderten die Haltung angeeignet, scharf zwischen der Bevölkerung und der Führung des Landes zu unterscheiden. Diese Kluft gilt zuallererst für das eigene Land, hat aber auch Auswirkungen auf den Blick auf andere Staaten. Denn nicht zuletzt aufgrund dieser Ursache gibt es in Russland praktisch keine Vorbehalte gegen Deutschland oder die Deutschen. Es gibt keine Neigung mit historischen Belastungen zu argumentieren, um den Partner zu bestimmten Handlungen zu veranlassen, anders als tendenziell in den westlich von Russland liegenden Ländern. Folglich rufen historisch begründete Vorbehalte oder Aversionen gegenüber Russland, etwa in Ostmitteleuropa, tendenziell eher Unverständnis oder Gereiztheit als ein latent schlechtes Gewissen hervor.

Russland zeigt auch – und vielleicht insbesondere – keine Neigung zu einem Schuldbewusstsein, weil es dieses von anderen grundsätzlich auch nicht fordert.

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