Erfahrungen deutscher Monteure in Russland und der Ukraine: Ein Gastbeitrag aus Russland

Der erste Beitrag des mir gut bekannten russischen Autoren dieses Textes erschien vor einigen Tagen, nun folgt ein weiterer Beitrag.

Deutsche Monteure klagen oft: „Wenn junge Kollegen an russischen Baustellen zum ersten oder zweiten Mal mit einheimischen Kollegen kooperieren müssen, beklagen sie sich oft über permanente Missverständnisse mit den Gastgebern und das Scheitern jeder aufrichtigen Versuche, russische Logik und russisches Handeln nachzuvollziehen. Ein ehrlicher deutscher Techniker muss mehrere Jahr in Russland tätig sein und mehrere Montagen abschließen, um zu begreifen: seine Aufgabe ist, die Anlage aufzubauen, in Betrieb zu nehmen und dann ggf. zu warten und zu reparieren. Russen zu verstehen ist eine zwar machbare, aber absolut sinnlose Beschäftigung.“
In diesem absichtlichen Verzicht auf jede Bemühungen, praktizierende Russland-Versteher zu werden, sehen die meisten erfahrenen deutschen Monteure eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg ihrer russischen Einsätze. Für einen Auftrag in Russland ist ein vernünftiger Egoismus angesagt – dann verdienen deutsche Gasttechniker vereinbartes Geld für sich und ihre Firmen, ohne in unzählige Auseinandersetzungen zwischen mehreren einheimischen Akteuren diverser Montage-Projekte verwickelt zu werden.
Von demselben Prinzip lassen sich deutsche Spezialisten leiten, wenn ich sie in unserem freien Austausch gebeten habe, sich zu ukrainisch-russischen Spannungen zu äußern. Natürlich reden von diesem Thema nicht gern, vor allem, weil der Konflikt sie und ihre Unternehmen um mehrere Aufträge gebracht hat und dem jeweiligen Geschäft für die absehbare Zukunft schaden wird.
Deutsche Süßwarenmaschinenbauer und Lieferanten für die Zementherstellung mit Erfahrung an mehreren Baustellen in Russland und in der Ukraine sehen keine großen Unterschiede zwischen beiden Ländern (der Süßwarenkonzern „Roshen“ war, wie im ersten Text beschrieben, früher eine sehr positive Ausnahme, http://www.cwipperfuerth.de/2014/08/poroschenkos-suesswarenimperium-ein-gastbeitrag-aus-russland/). Eine totale Ahnungslosigkeit der Inhaber von ihrem eigenen Geschäft, Inkompetenz und Willkür des Vorstandes, mangelnde Motivation auf allen Ebenen und keine Gedanken an die Wirtschaftlichkeit des jeweiligen Unternehmens – russische und ukrainische Betriebe sind sehr oft zum Verwechseln ähnlich.
Genauso leichtsinnig und verantwortungslos wie an kleinen Fabriken werden nach Einschätzung deutscher Techniker oft in Russland und in der Ukraine nationale und internationale Auseinandersetzungen ausgetragen (auf Ursachen und Hintergründe des russisch-ukrainischen Konfliktes können und wollen deutsche Gäste nicht eingehen. Einige weisen lediglich auf den Zweiten Weltkrieg als eine dunkle Vorgeschichte der aktuellen Ereignisse hin). Ihnen ist es klar: ein deutscher Produzent, der seine Anlagen sowohl nach Russland als auch in die Ukraine liefert, müsste sich im Interesse seines Geschäftes aus dieser Konfrontation raushalten. Zu solchen Empfehlungen kommen deutsche Ingenieure wegen der Entwicklungen der letzten Wochen, wo eingeführte westliche Sanktionen und noch mehr – die Gefahr ihrer Ausweitung bzw. Möglichkeit russischer Gegensanktionen ihre Wirkung gezeigt haben. Verhängte Beschränkungen haben bei russischen Kunden oft zum psychologisch bedingten Verzicht auf den Ankauf deutscher Anlagen geführt. Chinesische Mitbewerber benutzen die Situation und schlagen mit ihren niedrigen Preisen die in der Regel teurere deutsche Ausstattung. Die typischen Vorteile deutscher Maschinen wie Qualität, Präzision und perfekte Service-Leistungen bewähren sich zwar nach wie vor, schließlich sind chinesische Süßwarenmaschinen oder Wellpappenanlagen fast ausnahmslos schlecht gefertigte Ableger deutscher Muster. Den russischen Markt zurückzugewinnen wird aber nach allgemeiner Einschätzung schwierig.
Inwieweit deutsche Anbieter in dieser Situation auf den ukrainischen Markt ausweichen können, ob sich das laufende Geschäft ordentlich abwickeln lässt, zeigen aktuellen Eindrücke meiner Gesprächspartner von ukrainischen Baustellen bzw. funktionierenden Anlagen mit Wartungs- und Reparaturenbedarf. Nach mehreren Wochen und Monaten Montage und Inbetriebnahme sind Gastmonteure in der Regel sehr gut mit einheimischen Kollegen vernetzt. Von ihren ukrainischen Freunden bekommen sie vollständige und objektive Information zur Lage in ihrer Fabrik und um sie herum, ggf. über die jeweilige Stadt und Gegend sowie z. B. über die Strecke vom Flughafen zum Standort. So haben meinen Freunden ukrainische Kollegen z. B. im vergangenen Juli von Reisen über Autobahnen von Odessa nach Zaporoschje und von Odessa nach Cherson abgeraten – diese Strecken waren an mehreren Stellen von bewaffneten Formationen ungeklärter Zugehörigkeit kontrolliert.
Diese verlässlichen Quellen ergänzen für reisende Monteure die übliche Unterstützung des Auswärtige Amtes (AA). Bei der Planung ihrer Reisen zu ukrainischen Partnern bedienen sich deutsche Techniker seiner permanent aktualisierten Reise- und Sicherheitshinweise (http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Laenderinformationen/00-SiHi/UkraineSicherheit.html). Außerdem stehen deutsche Firmen mit langjähriger Erfahrung im Lande oft im direkten Kontakt zum Außenministerium und deutschen diplomatischen Vertretungen vor Ort. Offizielle Papiere des AA und Empfehlungen deutscher Diplomaten halten nach Einschätzung der Techniker ein durchaus objektives und vertrauenswürdiges Bild der Lage im Lande und seinen einzelnen Regionen fest.
Hier finden reisende Monteure manchmal Sachen, die in offiziellen Pressemitteilungen und Medienberichten nicht auftauchen, für ihren sicheren Aufenthalt in der Ukraine aber sehr wichtig sind. Zwar gehen Gasttechniker weder geschäftsmäßig noch in der Freizeit auf den Maidan-Platz in Kiew, den das Papier immer noch als einen potentiell gefährlichen Ort einstuft. Schwieriger lässt sich dagegen die Einreise in die Ukraine über den internationalen Flughafen Boryspil vermeiden, wo in letzter Zeit bei manchen Fluggästen das Gepäck durchwühlt oder gar gestohlen wird. Entsprechend der Transportsituation an den Baustellen außerhalb ukrainischer Metropolen müssen deutsche Ingenieure diese Fabriken mit dem Auto in der Nacht, bei Morgen- oder Abenddämmerung erreichen – wobei oben genannte Empfehlungen davon auch abraten. Bedenklich stimmt deutsche Firmen der Hinweis auf mögliche Übergriffe gegenüber Ausländern mit nicht-europäischem Aussehen. Die Befolgung dieses Rats würde ein Verbot für mehrere bulgarische, kroatische oder griechische Kollegen bedeuten, an den Aufträgen in der Ukraine mitzuwirken – und ausgerechnet diese Techniker waren früher dank ihrer Russischkenntnisse eine Bereicherung für jede Montage. Am komischsten erscheint natürlich die Warnung vor Polizei-, Grenzschutz-, Zollbeamten und anderen Staatsbediensteten, die von ausländischen Gästen gelegentlich unbegründete Gebühren oder Bußgeldern wollen. Deutsche Gastmonteure erzählen aus ihrer Erfahrung, dass Beamte russischer Sicherheitsbehörden manchmal ähnliche Forderungen stellen, das deutsche AA findet es aber nicht nötig, diese Vorfälle in seinen Hinweisen für Russland (http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Laenderinformationen/00-SiHi/RussischeFoederationSicherheit.html) zu erwähnen.
Hier habe ich mir die Frage erlaubt, ob die Bundesregierung und das Außenministerium die eigenen Empfehlungen lesen, bevor sie ihre öffentlichen Statements zur Ukraine verfassen. Daraufhin haben meine Gesprächspartner gemeint, dass sich deutsche Spitzenbeamte standesgemäß nur kurz in der Ukraine aufhalten. Für längere Besuche werden andere Verhaltensregeln gebraucht, und die Zeit der Techniker an den Baustellen hängt vom Ablauf des Geschäftes ab – oder endet eben mit dem Stillstand der jeweiligen Halle.
Auf Anfragen deutscher Partner melden die meisten ukrainischen Fabriken aktuell das Runterfahren ihrer Produktion, einige Werke werden vorübergehend oder für eine längere Zeit stillgelegt. Nach allgemeiner Einschätzung deutscher Gäste ist sinkende Produktion oder ungeplanter Betriebsurlaub ihrer Gastunternehmen nicht etwa Resultat der Kampfhandlungen im Osten der Ukraine oder des Stopps russischer Gaslieferungen, sondern wie in Russland Folgen eines langjährigen Missmanagements und fehlender Unternehmensstrategien. Unter solchen Voraussetzungen werden Betriebe für jede negative Veränderung im Geschäftsklima wie instabile rechtliche Rahmen, Geldentwertung oder auch Einberufung zur Armee von mehreren wehrpflichtigen männlichen Mitarbeitern besonders anfällig.
Eine technische, technologische, infrastrukturelle und jede andere Art der industriellen Kooperation mit der Ukraine und auch mit Russland muss und wird früher oder später fortgesetzt. Obligatorische Bedingungen dafür wären die Beilegung der Konflikte in ukrainischen Regionen, eine effiziente Sicherheit für deutsche Partner im weitesten Sinne des Wortes, gefolgt von der Besserung der Beziehungen zu Russland. Davon ist die Ukraine zurzeit leider weit entfernt. Diese Tatsache nachzuvollziehen ist, wie bereits erwähnt, möglich – aber nicht die Aufgabe von deutschen Gastmonteuren.

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