Poroschenkos Süßwarenimperium: Ein Gastbeitrag aus Russland

Der Autor des folgenden Textes ist mir seit über zehn Jahren bekannt.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
hier möchte ich Ihnen meine Eindrücke vom Austausch mit deutschen Ingenieuren, Monteuren und Beratern anbieten, die ich als technischer Übersetzer für Deutsch und Russisch bei den Aufträgen in meiner Heimatregion an der Wolga gemacht habe. – Um diesen Job weiter ausüben zu dürfen, vermeide ich es hier, meinen echten Namen und die Stadt zu nennen.
Das Niedergeschriebene ist aus einer freien Kommunikation mit technischen Spezialisten entstanden. Die Meinungen meiner Gesprächspartner spiegelten ihre menschlichen, oft emotionalen Erkenntnisse bei berufsmäßigen Aktivitäten an den Produktionsstandorten in mehreren Ländern und Gegenden wider. Diese Äußerungen waren subjektiv und nie für einen öffentlichen Gebrauch gedacht.
Meinerseits habe ich bei unseren Konversationen keine Absicht gehabt, das bei diesen Gespräche Gehörte irgendwie systematisch zu erfassen bzw. publizistisch zu verwerten. Aus diesen Gründen bitte ich um entsprechendes Herangehen an den folgenden Text, mit dem ich mich auf keinen Fall in den tobenden Informationskrieg in der und um die Ukraine einmischen möchte.
Andrej Kn.

Meine längste Erfahrung in der technischen Übersetzung habe ich in der Süßwarenproduktion gemacht. In armen russischen Provinzen haben Lebensmittelbetriebe in der Regel ausreichende Finanzen für das operative Geschäft, die Modernisierung funktionierender und die Anschaffung neuer Anlagen. Für diese Branche liefern mehrere deutsche Maschinenbauer ihre Mechanismen, Monteure dieser Firmen bauen die Anlagen in russischen Fabriken auf und nehmen sie zusammen mit einheimischen Kollegen in Betrieb.
Deutsche Hersteller schicken zu solchen Aufträgen in der Regel ihre Mitarbeiter mit Erfahrung der Montage-Einsätze in verschiedene Länder, die sich mit den Gastgebern in zahlreichen schwierigen Situationen verständigen können. In unserem Austausch konnte ich z. B. erfahren, dass nur russische und ukrainische Süßwaren-Produzenten als Bediener von Toffefondant, Gelee- oder Schoko-Maschinen ausschließlich Männer ausbilden – der Rest der Welt stellt dafür Frauen ein.
Noch bis Anfang dieses Jahres haben deutsche Techniker unter allen Süßwarenherstellern im postsowjetischen Raum am höchsten Petro Poroschenko und seinen Konzern „Roshen“ eingeschätzt. Nach allgemeiner Einschätzung war Poroschenko einer der wenigen, der die marktgerechten Preise für Maschinen und Dienstleistungen kannte und darüber auf die bei westlichen Geschäftsleuten übliche Art und Weise zu verhandeln wusste. Poroschenko hatte das Talent, immer die richtigen Worte zu finden – auch wenn eine Vereinbarung nicht zustande kam, wurden westliche Verhandlungspartner nie unangenehm behandelt, was z. B. bei russischen Oligarchen oft der Fall ist. Poroschenko investierte gezielt und systematisch in Anlagen, Infrastruktur und Logistik. Poroschenko ließ sich bei vielen strategischen Fragen von westlichen Spezialisten beraten. Dank deren Empfehlungen expandierte sein Unternehmen erfolgreich u. a. in Russland – noch Anfang Herbst 2013 schätzten deutsche Maschinenbauer die Chancen sehr hoch, dass „Roshen“ in absehbarer Zukunft auf dem ganzen russischen Markt und zum großen Teil im Süßwaren-Absatz in anderen GUS-Ländern dominieren wird. Poroschenko ließ sein Top-Management und Entscheidungsträger der mittleren Ebene Fortbildungen bei branchenorientierten westlichen Technik- und Technologie-Zentren machen – eine sehr seltene Erscheinung auf dem Territorium der Ex-UdSSR. Poroschenko förderte wohl als einziger unter allen osteuropäischen „Schoko-Königen“ bei den Mitarbeitern seiner Firma Erlernen von Fremdsprachen. Selbst des Englischen mächtig, kontrollierte er gelegentlich dieses Fachwissen auf verschiedenen Chefetagen – ein Scheitern bei der Kommunikation in der Fremdsprache wurde streng geahndet.
Natürlich bemerkten deutsche Gäste in solch einem Riesengeschäft wie das von Poroschenko auch Negatives wie eine gnadenlose Ausbeutung von einfachen Bedienern und Handwerkern, Vetternwirtschaft und Korruption innerhalb des Unternehmens, eine für osteuropäische Betriebe typischen organisatorischen Durcheinander und vieles mehr. Meiner Gesprächspartner glaubten aber, unter Führung von Poroschenko könne der Konzern mit diesen Problemen der Übergangsperiode fertig werden und sich zu einem erfolgreichen europäischen Unternehmen entwickeln – und dabei u.a. den russischen Mitbewerbern (die in der Regel eine rückständige Denk- und Geschäftsweise an den Tag legen) zeigen, wie es richtig geht.
Um desto mehr staunten deutsche Ingenieure und Monteure, welche Auswirkung das aktive politische Engagement von Poroschenko seit dem Herbst letzten Jahres auf das wichtigste Geschäft seines Imperiums gezeigt hat. Wie allgemein bekannt war „Roshen“ hauptsächlich auf den russischen Absatzmarkt orientiert – wenn sich der Inhaber auf die prowestliche Seite geschlagen hat, wäre es logisch gewesen, etwas im voraus oder spätestens gerade jetzt seinen Vertrieb auf Abnehmer aus anderen Staaten umzuorientieren. Dementsprechend wären alle anderen Maßnahmen notwendig gewesen, damit in einer schwierigen Situation des Landes die Firma von der Krise nach Möglichkeit verschont bleibt. Anstelle von Poroschenko würden deutsche Techniker die Belegschaft der Süßwarenfabriken mit allen, vorrangig finanziellen Mitteln bei Laune halten, bei ausfallendem Absatz eine Auslastung von Produktionskapazitäten gewährleisten (wenn auch auf dem niedrigsten Stand), alle Formen der Kooperation mit westlichen Partnern aufrechterhalten, neue Kooperationsfelder, vor allem Absatz in östlichen EU-Ländern entdecken und ausbauen.
Von all dem ist bisher nach Einschätzung der Monteure wenig geschehen, wenn überhaupt. Vor seinem Amtseintritt als Präsident hat Poroschenko als künftiges Staatsoberhaupt versprochen, seine Aktiva zu verkaufen – aktuell hat er es offensichtlich nicht sehr eilig, dieses Versprechen einzulösen. Von der frühren Verwaltung ist so gut wie nichts geblieben. Mit den Betrieben, die den deutschen Technikern bekannt sind, wird verfahren, wie es gerade kommt. Es bleibt natürlich auf jeden Fall das legitime Recht eines Inhabers, sein Unternehmen zu miss zu managen oder ggf. kaputtzufahren – solange Maschinen und Dienstleistungen deutscher Anbieter pünktlich bezahlt werden, ist die allgemeine Entwicklung von „Roshen“ für sie von fakultativem Interesse.
Wird „Roshen“ von einer anderen Person übernommen (deutsche Gäste vermuten, es wird eher ein Strohmann des amtierenden Präsidenten als ein anderer realer Eigentümer sein), werden deutschen Partner mit dem neuen kooperieren und darauf hoffen, dass es nicht schlechter als in der Vorkrisen-Phase gehen wird. Poroschenko als höchste Amtsperson seines Landes muss sich nun um andere Angelegenheiten kümmern. Standesgemäß müssen dann mit ihm die Bundeskanzlerin Angela Merkel, das Auswärtige Amt und andere für internationale Beziehungen zuständige Personen und Institutionen zusammenarbeiten. Über Geschäfte in solch einer hohen Liga äußern sich deutsche Monteure nicht so ausführlich wie über die von ihnen hergestellten Maschinen. Sie hoffen nur, dass das Wissen des Bundeskanzleramtes, des AA und anderer Behörden über den ukrainischen Präsidenten, seine Mannschaft, über Dienststellen und Vertreter der neuen proeuropäischen ukrainischen Regierung sehr gut sein wird. Und dass dieses Wissen auf jeden Fall besser sein wird als das im Fall Putin.

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4 Gedanken zu „Poroschenkos Süßwarenimperium: Ein Gastbeitrag aus Russland“

  1. „…Um diesen Job weiter ausüben zu dürfen, vermeide ich es hier, meinen echten Namen und die Stadt zu nennen.

    Andrej Knoblauch…“

    Ist der Name unbewusst in den Artikel gekommen?
    Ansonsten im Sinne des Schreibers den Namen rausnehmen.

    1. Sehr geehrter Herr Peters,
      danke für Ihren Kommentar, den ich weiterleiten werde.
      Es grüßt Sie
      Christian Wipperfürth

    1. Einen guten Tag,
      der Hinweis ist noch am Tag des Kommentars Daniels an den russischen Autoren weiter geleitet worden. Geändert im Text habe ich es heute, danke für die Erinnerung.
      Grüße von Christian Wipperfürth

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